„Der Vorstand will KI-Ergebnisse fürs nächste Quartal. Mein ERP-Projekt läuft bis 2028.“
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Jetzt lesenAngespannt, und zwar strukturell, nicht zyklisch. Zwei Drittel der Zulieferer erwarten laut den einschlägigen Befragungen eine Marktbereinigung in den nächsten Jahren, und ich halte das nicht für Panikmache, ich halte das für Arithmetik. Die Abrufe schwanken, die Chinesen kommen mit eigenen Zulieferketten, und der OEM
| Steckbrief | |
|---|---|
| Branche | Automobilzulieferer Tier 2, Metall- und Kunststoffkomponenten |
| Unternehmensgröße | ca. 1.600 Mitarbeiter, drei Werke, davon eines in Osteuropa |
| Rolle | CIO, seit vier Jahren im Unternehmen, davor Konzern-IT |
| KI-Stand | Kamerabasierte Qualitätsprüfung an zwei Linien produktiv, weitere Vorhaben aus Budgetgründen geschoben |
Dieses Gespräch ist ein typisiertes, redaktionell verdichtetes Interview: Person und Unternehmen sind fiktiv, die geschilderten Situationen, Zahlen und Konflikte folgen dokumentierten Mustern aus Studien und Rechtsprechung (Quellen am Ende).
Angespannt, und zwar strukturell, nicht zyklisch. Zwei Drittel der Zulieferer erwarten laut den einschlägigen Befragungen eine Marktbereinigung in den nächsten Jahren, und ich halte das nicht für Panikmache, ich halte das für Arithmetik. Die Abrufe schwanken, die Chinesen kommen mit eigenen Zulieferketten, und der OEM gibt seinen Preisdruck eins zu eins an uns weiter, plus Verwaltungsgebühr, wenn Sie meinen Sarkasmus entschuldigen. In dieser Lage über KI zu reden wirkt erst mal absurd. Ist es aber nicht. Es ist genau umgekehrt: Wir haben gar nicht mehr das Personal und die Marge, um unsere Prozesse weiter mit Menschen und Excel zu betreiben. Ich sage intern immer: Wir digitalisieren nicht, weil es schick ist. Wir digitalisieren, weil uns sonst die Kostenstruktur erledigt, bevor es die Konkurrenz tut.
Dokumentierte Hundert-Prozent-Prüfung auf bestimmten Sicherheitsbauteilen, rückverfolgbar bis auf die Charge, mit Datenübergabe an deren Systeme. Stichprobe reicht nicht mehr, das steht inzwischen so in den Lastenheften. Jetzt rechnen Sie mal: Ein Werker, der acht Stunden Oberflächen prüft, übersieht je nach Schicht und Tagesform einen zweistelligen Prozentanteil der Fehler, das ist keine Schande, das ist Physiologie. Für echte Hundert-Prozent-Prüfung bräuchte ich pro Linie drei zusätzliche Prüfkräfte, die ich erstens nicht finde und zweitens nicht bezahlen kann. Also Kamera plus Modell. An zwei Linien läuft das seit letztem Jahr: Flächenkameras, Inferenz direkt an der Linie, Anbindung an die Steuerung. Pseudoausschuss war anfangs unser Ärgernis, das Ding hat zu viel aussortiert. Nach drei Monaten Nachtraining lagen wir bei einer Falschauslösequote, mit der die Fertigung leben kann.
Der Haken heißt Integration, und der ist hässlich. Die Kamera-KI selbst war in vier Monaten produktiv, das war der einfache Teil. Der teure Teil: Unser ERP ist von 2004, mehrfach angepasst, der ursprüngliche Dienstleister existiert nicht mehr. Dazu je Werk ein anderes MES, eines davon eine Eigenentwicklung eines Kollegen, der 2019 in Rente ging. Die Prüfdaten in die Rückverfolgbarkeit zu bekommen, also dahin, wo der OEM sie sehen will, hat länger gedauert als das ganze KI-Training und ungefähr das Doppelte gekostet. Das ist die Wahrheit, die in keiner Anbieterpräsentation steht: Das Modell ist der kleinste Posten. Die Altlasten drumherum fressen das Budget. Wer Ihnen eine KI-Roadmap verkauft, ohne vorher Ihre Systemlandschaft gesehen zu haben, verkauft Ihnen ein Auto ohne Blick auf die Straße.
Das Modell ist der kleinste Posten. Die Altlasten drumherum fressen das Budget.
Kontrovers, über Monate. Mein ursprünglicher Antrag umfasste die Qualitätsprüfung an vier Linien plus eine Datenplattform als Unterbau, zusammen ein mittlerer siebenstelliger Betrag über drei Jahre. Der CFO hat das halbiert, und ich verstehe ihn sogar. Wenn die Abrufe eines Großkunden um fünfzehn Prozent einbrechen, verteidigt er jede Investition vor dem Beirat der Gesellschafter. Sein Satz in der Sitzung war: Zeig mir eine Linie, die sich selbst bezahlt, dann reden wir über die nächste. Genau das haben wir gemacht. Die erste Linie hat die Nacharbeits- und Ausschusskosten so weit gesenkt, dass die Anlage sich rechnerisch nach knapp anderthalb Jahren trägt, die Reklamationsseite noch nicht eingerechnet. Mit dieser Zahl bin ich zurück und habe Linie drei und vier genehmigt bekommen. Mühsam, aber ehrlicherweise ist diese Disziplin gesünder als ein Blankoscheck.
Ja, zwei. Erstens habe ich am Anfang auf einen großen Plattformanbieter gesetzt, weil Konzernerfahrung, man kauft, was man kennt. Für unsere Größe war das überdimensioniert, wir haben ein Jahr Lizenzkosten für Funktionen bezahlt, die nie jemand angefasst hat. Inzwischen fahren wir einen schlankeren Ansatz mit einem Mittelstandsanbieter und eigener Datenhaltung. Zweitens habe ich die Werksleiter zu spät eingebunden. Der Leiter unseres größten Werks hat das Kameraprojekt anfangs als Misstrauensvotum gegen seine Qualitätsmannschaft gelesen, und aus seiner Sicht kam das Ding ja auch von der IT, also von Leuten, die seiner Meinung nach noch nie eine Schicht gefahren haben. Berechtigt oder nicht, dieser Konflikt hat uns drei Monate gekostet. Heute starte ich kein Fertigungsprojekt mehr, bei dem der Werksleiter nicht offiziell Auftraggeber ist. Die IT liefert, das Werk führt.
Differenzierter, als man denkt. Die jüngeren Prüfkräfte waren schnell dabei, für die ist eine Kamera kein Feind, sondern ein Werkzeug. Schwieriger war es beim Meisterpersonal, da ging es um Deutungshoheit: Wer entscheidet, ob ein Teil in Ordnung ist, der Meister oder das Modell? Unsere Antwort ist eindeutig geregelt: Das Modell sortiert aus, der Mensch entscheidet über Grenzfälle, und jede Entscheidung des Menschen fließt ins Nachtraining. Mit dem Betriebsrat gab es eine harte, aber faire Verhandlung. Kernpunkt war die Frage, ob aus den Prüfdaten Rückschlüsse auf einzelne Werker möglich sind. Sind sie technisch, also haben wir vereinbart, dass personenbezogene Auswertungen ausgeschlossen sind, schriftlich, mit Prüfrecht des Betriebsrats. Ohne diese Vereinbarung hätte es Widerstand gegeben, und zwar zu Recht.
Ehrliche Antwort: Wir haben keine Prüfkraft entlassen, aber wir besetzen frei werdende Stellen nicht nach. Das ist der realistische Pfad in einer Branche, die sowieso niemanden mehr findet. Von den Leuten, die früher acht Stunden am Band geprüft haben, machen zwei heute Grenzfallentscheidung und Nachtraining, das ist qualifiziertere Arbeit und ehrlicherweise auch angenehmere. Einer ist in die Instandhaltung gewechselt. Ich erzähle das so genau, weil mich diese Automatisierungsromantik in beide Richtungen stört. Weder vernichtet KI hier massenhaft Arbeitsplätze, noch entstehen auf wundersame Weise lauter neue. Es ist eine Verschiebung, und ob sie sozialverträglich läuft, ist eine Führungsentscheidung, keine Technologiefrage. Bei uns läuft sie bisher ohne Kündigung, aber ich verspreche nichts für die nächste Abrufkrise. Das wäre unseriös.
Weder vernichtet KI hier massenhaft Arbeitsplätze, noch entstehen auf wundersame Weise lauter neue. Es ist eine Verschiebung.
Das ist der Punkt, an dem ich zynisch werde, entschuldigen Sie. Der OEM fordert Telemetrie, Rückverfolgbarkeit, demnächst CO2-Daten je Bauteil, alles nachvollziehbar. Aber bezahlen will er dafür nichts, im Gegenteil, parallel kommt die jährliche Forderung nach Preisnachlass. Wir finanzieren also die Infrastruktur, mit der wir kontrollierbarer werden, aus einer Marge, die er uns gleichzeitig kürzt. Einzelne OEMs bieten Schulungsprogramme oder Audit-Unterstützung an, das will ich fair erwähnen. Aber die Grundmechanik bleibt: Anforderungen wandern nach unten, Kosten bleiben unten. Meine Konsequenz ist, dass jede Investition mehrfach verwendbar sein muss. Die Prüfdaten-Pipeline, die wir für den einen OEM gebaut haben, bedient heute drei Kunden und liefert nebenbei unsere interne Ausschussanalyse. Nur so rechnet sich das für ein Haus wie unseres.
Bewusst schmal aufgestellt. Es gibt einen Assistenten für die Arbeitsvorbereitung, der aus Zeichnungen und Stücklisten Vorschläge für Arbeitspläne macht, der ist im Pilotbetrieb, und die Disposition testet eine Abrufprognose, weil die Schwankungen der OEM-Abrufe unsere Bestände treiben. Mehr nicht, und das ist Absicht. Ich habe eine Liste mit vierzehn weiteren Ideen aus den Fachbereichen, die liegt in der Schublade, Priorisierung nach Wertbeitrag und Datenlage. Was ich nicht mehr mache, sind Leuchtturmprojekte für die Managementfolie. Die Branchenzahlen sprechen eine klare Sprache, die wenigsten Piloten erreichen den Regelbetrieb. Bei unserer Kapitaldecke ist jeder gescheiterte Pilot nicht nur verlorenes Geld, sondern verlorenes Vertrauen der Gesellschafter. Und Vertrauen ist bei uns gerade die knappste Ressource, knapper als Budget.
Drei Dinge müssten eintreten. Erstens: Die Qualitätsprüfung läuft an allen relevanten Linien, und wir bestehen jedes OEM-Audit ohne Sonderschichten, das wäre der Beleg, dass die Pflicht erfüllt ist. Zweitens: Die Abrufprognose senkt unsere Bestände messbar, sagen wir um zehn bis fünfzehn Prozent, das wäre echtes gebundenes Kapital, das frei wird, und genau die Sprache versteht mein CFO. Drittens, und das ist das Schwierigste: Wir haben dann intern zwei, drei Leute, die Modelle selbst nachtrainieren und bewerten können, ohne für jeden Handgriff einen Dienstleister zu rufen. Wenn ich in zwei Jahren immer noch für jede Schwellenwertanpassung ein Ticket bei einem Anbieter aufmachen muss, haben wir keine Fähigkeit aufgebaut, sondern nur eine neue Abhängigkeit gekauft. Dann hätte ich meinen Job nur halb gemacht.
Wenn ich für jede Schwellenwertanpassung ein Ticket beim Anbieter aufmachen muss, haben wir keine Fähigkeit aufgebaut, sondern eine Abhängigkeit gekauft.
Ein Briefing pro Woche: Entscheidungsfragen, eingeordnete Zahlen und Fristen. Ihre Adresse geben wir nicht weiter.
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