Ausgabe 39/2026 · Stand: Mittwoch, 23. September 2026 Das Fachmagazin für KI-Transformation im Mittelstand
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Claims-Check

Claim-Familie 10: Anbieterstudien-Claims

Diese Familie lebt von Studien, die Anbieter über den Erfolg ihrer eigenen Technologie finanzieren oder unter der eigenen Kundschaft erheben: „Fast alle erzielen ROI.“ Die Zahlen sind selten erfunden, aber die Stichprobe ist vorselektiert, die Werte sind Selbstschätzungen, und der Auftraggeber verkauft das Gemessene. W

Veröffentlicht · Aktualisiert · 8 Min. Lesezeit
Mitarbeiterin prüft ein Drehteil mit dem Messschieber am Wareneingang, daneben eine Prüfliste.
Fehler, die hier auffallen, kosten am wenigsten. Symbolbild, KI-generiert für KIONIER.

Diese Familie lebt von Studien, die Anbieter über den Erfolg ihrer eigenen Technologie finanzieren oder unter der eigenen Kundschaft erheben: „Fast alle erzielen ROI.“ Die Zahlen sind selten erfunden, aber die Stichprobe ist vorselektiert, die Werte sind Selbstschätzungen, und der Auftraggeber verkauft das Gemessene. Wer Finanzierung und Stichproben-Zulassung mitliest, kann die Zahlen einordnen; wer sie als Marktdurchschnitt zitiert, übernimmt die Verzerrung.

Claim 91: „Fast alle Unternehmen erzielen bereits messbaren ROI mit generativer KI“

Wortlaut: Studien zeigen: Nahezu alle Unternehmen erzielen mit generativer KI schon heute messbaren Return on Investment.

Ursprung: Deloitte AI Institute, „The State of Generative AI in the Enterprise“, Q4 2024, in Vertriebsfolien als Marktaussage weitergereicht.

Was die Quelle wirklich sagt: Deloitte (2024) befragte zwischen Juli und September 2024 2.773 Führungskräfte ab Director-Ebene in 14 Ländern. Zugelassen wurden nur Organisationen mit mindestens einer täglich genutzten KI-Implementierung und laufenden GenAI-Piloten sowie Personen mit direkter Verantwortung für KI-Strategie oder -Investitionen. In dieser Vorauswahl sagen 74 Prozent, ihre am weitesten fortgeschrittene Initiative erfülle oder übertreffe die ROI-Erwartung. Über Unternehmen ohne aktive KI-Nutzung sagt die Studie nichts.

Urteil: eingeschränkt belegt, die Zahl gilt für die per Zulassungskriterium vorselektierten KI-aktiven Unternehmen und deren jeweils bestes Projekt, nicht für den Markt.

Führungsfolge: Nur mit eigener Messung übernehmen: ROI-Erwartungen an der eigenen Baseline kalibrieren, nicht am besten Projekt einer Positiv-Auswahl.

Claim 92: „Jeder in KI investierte Dollar bringt 4 Dollar zurück“

Wortlaut: Für jeden in generative KI investierten Dollar erhalten Unternehmen rund 4 Dollar zurück.

Ursprung: IDC InfoBrief „2024 Business Opportunity of AI“ (IDC #US52699124, November 2024), von Microsoft beauftragt; die 4 ist eine mediale Aufrundung der dort genannten 3,7.

Was die Quelle wirklich sagt: IDC (2024) befragte im Auftrag von Microsoft über 4.000 Führungskräfte und KI-Entscheider weltweit. Der Wert 3,7 stammt aus der Frage, auf welchen ROI je ausgegebenem Dollar die Befragten ihre GenAI-Initiativen schätzen; es ist ein Mittelwert von Selbstschätzungen, keine Bilanzprüfung. Selbst eingestufte „Leader“ schätzen 10,3-fach. Finanzierung und Vertriebskontext des Sponsors sind im Dokument ausgewiesen.

Urteil: irreführend, eine gesponserte Selbstschätzung wird zur gemessenen Rendite aufgerundet und ohne Auftraggeber-Vermerk als Marktfakt zitiert.

Führungsfolge: Verwerfen als Planungsgröße; Renditeerwartungen nur aus eigenen Baselines und nachgerechneten Cases ableiten.

Claim 93: „74 Prozent sehen ROI im ersten Jahr“ (Google-Cloud-Report)

Wortlaut: Drei Viertel der Unternehmen erzielen mit generativer KI schon im ersten Jahr Return on Investment.

Ursprung: Google Cloud, „The ROI of AI 2025“, durchgeführt mit National Research Group (Feldzeit April bis Juni 2025).

Was die Quelle wirklich sagt: Der von Google Cloud beauftragte Report (2025) befragte 3.466 Führungskräfte in 24 Ländern; einbezogen wurden ausschließlich Organisationen, die generative KI bereits produktiv einsetzen. 74 Prozent dieser Adopter berichten ROI auf mindestens einem Use Case; bei „agentischen Early Adopters“ (13 Prozent der Befragten) sind es 88 Prozent. ROI ist als Selbstauskunft ohne einheitliche Messdefinition erhoben; der Herausgeber verkauft die untersuchte Technologie.

Urteil: eingeschränkt belegt, die Zahl existiert, gilt aber nur für Produktiv-Nutzer nach Selbstauskunft in einer anbieterfinanzierten Erhebung.

Führungsfolge: Als Stimmungsbild unter Adoptern lesen und eigene ROI-Aussagen ausschließlich auf definierte Messgrößen stützen.

Claim 94: „92 Prozent der Unternehmen erzielen ROI aus ihren KI-Investitionen“

Wortlaut: Neue Forschung zeigt: 92 Prozent der Unternehmen erzielen bereits Return aus ihren KI-Investitionen.

Ursprung: Snowflake in Zusammenarbeit mit Enterprise Strategy Group, „The Radical ROI of Generative AI“ (April 2025).

Was die Quelle wirklich sagt: Die von Snowflake beauftragte Erhebung (2025) lief von November 2024 bis Januar 2025. Von 3.324 Befragten wurden 1.900 vertieft befragt, ausschließlich Early Adopter, die generative KI bereits produktiv mit kommerziellen oder Open-Source-Modellen einsetzen. 92 Prozent dieser Gruppe sagen, ihre KI-Investitionen zahlten sich aus; zwei Drittel beziffern 1,41 Dollar Rückfluss je Dollar. Nicht-Nutzer und Abbrecher kommen in der Kennzahl nicht vor.

Urteil: eingeschränkt belegt, die 92 Prozent beschreiben eine doppelt vorselektierte Adopter-Gruppe nach Selbstauskunft, keinen Marktdurchschnitt.

Führungsfolge: Nur mit eigener Messung übernehmen und in Gremienvorlagen stets die Stichproben-Zulassung mitzitieren.

Claim 95: „Die Enterprise-Berichte der Modellanbieter zeigen den Stand der Wirtschaft“

Wortlaut: Berichte wie der OpenAI-Enterprise-Report oder der Anthropic Economic Index belegen, wie KI-Nutzung in der Breite der Wirtschaft aussieht und was sie bringt.

Ursprung: OpenAI, „The State of Enterprise AI“ (2025); Anthropic, „Economic Index“ (2025), Berichte der Modellanbieter über die eigene Kundschaft.

Was die Quelle wirklich sagt: OpenAI (2025) wertet anonymisierte Nutzungsdaten von über einer Million Geschäftskunden aus und ergänzt eine Befragung von 9.000 Beschäftigten in knapp 100 Unternehmen. Anthropic (2025) klassifiziert Stichproben eigener Claude- und API-Nutzung entlang der O*NET-Taxonomie und legt Daten offen. Beides sind echte Verhaltensdaten, aber ausschließlich der jeweils eigenen Kundschaft; Nicht-Kunden, abgebrochene Projekte und Wirkungen gegen eine Baseline kommen nicht vor.

Urteil: eingeschränkt belegt, die Nutzungsmuster sind real gemessen, repräsentieren aber nur die Kundschaft des jeweiligen Anbieters und keine Wirtschaft insgesamt.

Führungsfolge: Als Datenpunkt zu Nutzungsmustern verwenden, für Verbreitungs- und Wirkungsaussagen aber unabhängige Erhebungen heranziehen.

Claim 96: „Die Mehrheit der Vertriebs- und Marketingteams nutzt KI mit klarem Nutzen“

Wortlaut: Umfragen zeigen: Die Mehrheit der Vertriebs- und Marketingprofis nutzt KI bereits und spart damit deutlich Zeit. Der Markt ist längst durch.

Ursprung: HubSpot „State of AI“ / „AI Trends Report“ (2024) und Salesforce „State of Sales“, 6. Ausgabe (2024), Befragungen von Software-Anbietern in der eigenen Zielgruppe.

Was die Quelle wirklich sagt: HubSpot (2024) befragte je nach Report gut 600 Vertriebs- beziehungsweise 1.062 Marketingfachleute, überwiegend in den USA, teils mit Panel-Partner; berichtet werden Selbstauskünfte zu Nutzung und gefühlter Zeitersparnis. Salesforce (2024) befragte 5.500 Vertriebsprofis über Drittanbieter-Panels in einer doppelt anonymisierten Erhebung. Beide Herausgeber verkaufen KI-Funktionen an genau diese Zielgruppe; Wirkungsangaben sind nicht gegen Messdaten geprüft.

Urteil: eingeschränkt belegt, die Nutzungsquoten sind als Panel-Selbstauskünfte dokumentiert, die Nutzenaussagen bleiben ungeprüfte Wahrnehmung mit Anbieter-Interesse im Hintergrund.

Führungsfolge: Nur mit eigener Messung übernehmen; Zeitersparnis-Behauptungen im eigenen Team über Durchlaufzeiten statt Zufriedenheitsfragen prüfen.

Claim 97: „KI-Adopter erzielen im Schnitt 3,7-fachen ROI“

Wortlaut: Wer generative KI einsetzt, erzielt im Durchschnitt den 3,7-fachen Return on Investment. Das ist gemessen.

Ursprung: Dieselbe IDC/Microsoft-Studie „2024 Business Opportunity of AI“ (November 2024), in Medien und Decks als gemessener Durchschnitt weiterzitiert.

Was die Quelle wirklich sagt: Die 3,7 ist der Mittelwert auf die Frage „What would you estimate your organization’s ROI is for every $1 spent on generative AI projects?“ unter rund 3.300 GenAI-nutzenden Befragten (IDC, 2024). Geschätzt wird also die eigene Rendite frei Hand, ohne vorgegebene Messmethode, Baseline oder Prüfung. Die Studie ist von Microsoft gesponsert und befragt nur Organisationen, die KI-Transformation bereits verantworten.

Urteil: irreführend, eine Schätzfrage unter vorselektierten Adoptern einer gesponserten Studie wird als gemessener Marktdurchschnitt ausgegeben.

Führungsfolge: Verwerfen; in Business Cases nur Renditen verwenden, deren Messmethode und Baseline das eigene Controlling nachvollziehen kann.

Claim 98: „Der Vendor-State-of-AI-Report zeigt: Der Markt hat den Nutzen validiert“

Wortlaut: Die Enterprise-Ausgaben für generative KI haben sich versechsfacht. Der Markt hat den Geschäftsnutzen damit validiert.

Ursprung: „State of AI“-Reports investierender Anbieter, exemplarisch Menlo Ventures „2024: The State of Generative AI in the Enterprise“ (November 2024).

Was die Quelle wirklich sagt: Menlo Ventures (2024) befragte 600 US-IT-Entscheider in Unternehmen ab 50 Beschäftigten (September bis Oktober 2024) und schätzt den Anstieg der Enterprise-GenAI-Ausgaben von 2,3 auf 13,8 Milliarden Dollar. Derselbe Report notiert, dass über ein Drittel der Befragten keine klare GenAI-Vision hat. Menlo ist Investor unter anderem bei Anthropic, dessen Marktanteilsgewinn der Report hervorhebt; Ausgabenwachstum belegt Investitionsbereitschaft, nicht realisierten Nutzen.

Urteil: eingeschränkt belegt, die Ausgabenzahlen sind plausibel erhoben, doch der Herausgeber hat Portfolio-Interessen, und Ausgaben sind kein Wirkungsnachweis.

Führungsfolge: Marktzahlen aus Investoren-Reports mit Interessenvermerk zitieren und nie als Ersatz für eigene Nutzenmessung akzeptieren.

Claim 99: „Eine unabhängige Forrester-Studie beweist dreistelligen Copilot-ROI“

Wortlaut: Forrester hat unabhängig nachgewiesen, dass Microsoft 365 Copilot einen ROI von deutlich über 100 Prozent liefert.

Ursprung: Forrester Consulting, „The Total Economic Impact of Microsoft 365 Copilot“, eine von Microsoft beauftragte TEI-Studie, in Vertriebsmaterial als unabhängiger Beweis geführt.

Was die Quelle wirklich sagt: Die TEI-Studie ist laut eigenem Text von Microsoft beauftragt. Forrester interviewte 16 Entscheider aus 12 Organisationen und befragte 367 Copilot-Nutzer, verdichtete alles zu einer fiktiven Composite-Organisation (6,25 Milliarden Dollar Umsatz, 25.000 Beschäftigte) und modellierte darauf einen risikoadjustierten ROI. Der Wert ist eine Projektion für dieses Konstrukt; Forrester selbst nennt die Studie ein Rahmenwerk zur eigenen Bewertung, keine Messung realer Renditen.

Urteil: irreführend, eine auftragsfinanzierte Hochrechnung auf ein fiktives Unternehmen wird als unabhängiger Wirkungsbeweis zitiert.

Führungsfolge: TEI-Studien nur als Rechenrahmen nutzen und die Annahmen mit eigenen Adoptions- und Kostenwerten neu befüllen.

Claim 100: „Incentivierte Panel-Umfragen liefern belastbare Zahlen zur KI-Wirkung“

Wortlaut: Online-Panel-Umfragen unter Fachleuten sind eine belastbare Grundlage für Aussagen, wie viele Unternehmen KI erfolgreich einsetzen.

Ursprung: Gängige Praxis vieler Vendor- und Medienstudien; methodisch geprüft durch Pew Research Center, „Assessing the Risks to Online Polls From Bogus Respondents“ (2020) und Folgeanalysen (2024).

Was die Quelle wirklich sagt: Pew (2020) fand in verbreiteten Opt-in-Panels 4 bis 7 Prozent unaufrichtige Teilnehmer, die für Incentives antworten und systematisch positive Antwortoptionen wählen. Die Verzerrung ist gerichtet, kein Rauschen. Zwei gängige Qualitätschecks erkannten die meisten dieser Fälle nicht. Die Folgeanalyse (2024) dokumentiert besonders hohe Fehlerraten in Teilgruppen. Erfolgs- und Zustimmungsanteile aus solchen Panels sind damit systematisch nach oben verschoben.

Urteil: irreführend, die methodische Forschung belegt einen gerichteten Positiv-Bias in Incentive-Panels, dem die meisten KI-Erfolgsumfragen ohne Gegenmaßnahmen ausgesetzt sind.

Führungsfolge: Bei jeder Panel-Zahl Rekrutierung und Qualitätssicherung erfragen und Panel-Erfolgsquoten nie ohne unabhängige Gegenprüfung in Vorlagen übernehmen.

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